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Federn, Krallen, Hufe, Hörner, Kot und Klärschlamm im Hundefutter?

Federn, Krallen, Hufe, Horn, Haare

Seit dem Erscheinen von Grimms und Zieglers Märchen in 2007 bzw. 2011 zieht eine Empörungswelle durch die Hundebesitzer-Szene, die einfach nicht abebbt. Sie wird ständig befeuert von Unternehmen und Einzelpersonen, die ihr eigenes – angeblich besseres – Futter an den Hund bringen wollen. 

Meine Lieblings-Gruppe auf Facebook wird täglich mindestens dreimal genervt von einer panischen Äußerung wie “XYZ-Protein? OMG! Das kann ALLES sein wie Federn, Krallen und Urin!” oder “Nebenerzeugnisse – den Müll will ich meinem Hund auf keinen Fall geben!

Die Intention dieser Beiträge: Ich will Euch warnen, weil alles, was nicht bis ins letzte Mikrogramm aufgeschlüsselt ist und alles, was ich nicht verstehe, garantiert von raffgierigen Futterherstellern ins Futter gemischt wurde, um Eure Hunde umzubringen.

Meist folgt dann die Empfehlung irgendeines Futters aus dem Direktvertriebssegment, das obendrein häufig völlig ungeeignet ist, den Hund ausgewogen und bedarfsdeckend zu ernähren.

Wirklich: Auf solche Beiträge kann ich sehr gerne verzichten. Sie zeugen nur von vollkommener Ahnungslosigkeit gekoppelt mit aus unseriösen Quellen stammenden Halbwahrheiten und einer ungesunden Portion Verfolgungswahn.

Welche Tierteile dürfen ins Hundefutter?

Generell darf an Hunde alles verfüttert werden, was von für Menschen genusstauglichen Schlacht-Tieren stammt und nicht aus Magen-/Darm-Inhalt besteht und nicht in den Handel für Menschenfutter geht. Zum Nachlesen:

  • Verordnung (EG) Nr. 1069/2009 mit Hygienevorschriften für nicht für den menschlichen Verzehr bestimmte tierische Nebenprodukte
  • Ein bebilderter Katalog der kategorisierten Schlachtnebenprodukte findet sich hier
  • Der EU-Katalog der Einzelfutter kann hier und hier eingesehen werden.

Damit sind Kot, Urin und Speisebrei im Magen (der vermeintlich so gesunde Teil im Pansen!) sowie Kadaver verendeter Tiere wie auch Gehirne von Wiederkäuern von der Verfütterung an den Hund und Einmischung in Fertigfutter für Hunde schon mal ausgeschlossen (Anhang 3 der Verordnung (EG) Nr. 767/2009 über das Inverkehrbringen und die Verwendung von Futtermitteln).

Also ruhig Blut #1 : Kot, Urin, Speisebrei, Kadaver, Hirn ist nicht drin!

Nun muss alles, was nicht in den Handel für Menschenfutter geht, entsorgt werden – selbst, wenn Mensch es essen könnte, falls er wollte. Das wird alles schön getrennt gesammelt und Entsorgungsanstalten zugeführt. 

Dort werden dann unverdauliche Bestandteile wie Horn (Haare, Federn, Hufe, Hörner) direkt an die Düngemittelindustrie und Knochen an die Zementhersteller verkauft. Aus kontaminierten oder genussuntauglichen Abfällen wird Bioenergie produziert. Weitere Abnehmer von Schlachtabfällen sind die Kosmetik- und Lederwarenindustrie. Macht dem Entsorger keine Arbeit, ist eine sinnvolle Verwertung und schnell verdientes Geld.

Aber: Haare, Federn, Hufe, Hörner und Knochen dürfen durchaus an Hunde verfüttert werden. Und werden sie auch:

Hufe, Ohren mit Fell, Füße mit Krallen: Kommerziell gehandelte Kauprodukte für Hunde
Hufe, Ohren mit Fell, Füße mit Krallen: Kommerziell gehandelte Kauprodukte für Hunde

Wenn Du nun Hundefutter-Hersteller wärst und Hufe, Ohren, Geflügel-Füße und andere Abfälle tonnenweise für ‘nen Appel und ‘n Ei beim Entsorger abstauben kannst, das Zeug trocknest und für 37,82€/kg als Kauartikel an die Hundehalter verkaufen kannst, dann wärst Du schon ziemlich blöd, diese Teile noch zu vermehlen und in Fertigfutter einzumischen, für das Du nur 10€/kg bekommst, oder?

Aber ja klar, diese Kauprodukte sind voll toll und unverzichtbar: Die beschäftigen den Hund und sind mit komplett unverdaulichem Fell dran obendrein wurmwidrig im Darm. Nicht.

Also ruhig Blut #2 : Hufe, Ohren und Füße sind wahrscheinlich auch nicht drin.

Kommen wir zu den Schnäbeln und Krallen: Glaubt ernsthaft irgendwer, dass in den Schlachthöfen jemand sitzt, der den Hühnerfüßen die Krallen und den Hühnerköpfen die Schnäbel abknipst, um sie an raffgierige Futterproduzenten zu verticken, die uns Verbrauchern das dann im Fertig-Futter unterjubeln? Der Aufwand an Handarbeit beim Knipsen wäre viel zu teuer, um solch ein Futter wirtschaftlich zu machen. 

Also ruhig Blut #3 : Keiner tut gesammelte Schnäbel und Krallen in Fertigfutter!

Die Sache mit den Federn geistert ja auch noch immer herum: Federn sind wie Krallen und Hufe und Hörner wie gesagt, völlig unverdaulich. Sie kommen hinten aus dem Hund genau so raus, wie man sie vorne reintut. 
Wenn jetzt ein Hundefutter-Hersteller mehr als nur ein paar Federkielreste in der Haut, die wir an jedem Hühnerbein finden und bedenkenlos mit essen, in das Hundefutter tut, hat er zwar einen schön hohen ausweisbaren Rohproteingehalt im Futter – aber Hund würde riesige Haufen absetzen und abnehmen und könnte viele Nährstoffe nicht mehr gut aufnehmen. 
Wer nun meint, den Herstellern wäre das egal, ist auf dem Holzweg: Die können nämlich nur am Markt überleben, wenn Hund das Futter gut verwerten kann und Hundehalter mehr als nur einen einzigen Sack von dem Futter füttern und sich dann von dem Futter und der Marke abwenden. Federn im Futter für Hunde ist wirtschaftliches Harakiri!

Also ruhig Blut #4 : Keiner tut gesammelte Federn in Fertigfutter!

Allerdings bestehen Federn wie auch Haare aus reinem und wirklich hochwertigem Protein. Federn haben einen enormen Zinkgehalt (was ja nativ defizitär ist im Hundefutter) und einen sehr hohen Methioningehalt, was sonst immer die limitierende Aminosäure ist. Wäre das verwertbar, könnte Hund wirklich davon profitieren. Royal Canin hat nach intensiver Forschung einen Weg gefunden, Federn durch Hydrolyse verdaulich für den Hund zu machen und setzt diese speziell hydrolysierten Federn als Proteinquelle in einem einzigen Futter ein für Hunde, die gar nichts anderes mehr vertragen. Damit dieses Futter verkehrsfähig ist, müssen Federn als Bestandteil von Hundefutter zugelassen sein. Das Futter ist teuer und speziell genug, dass niemand das kaufen würde, um mal “Geschmacksrichtung Feder” zu probieren.

Also ruhig Blut #5 : Es gibt derzeit nur ein einziges Spezialfutter basierend auf speziell hydrolysierten und damit aufwendig verdaulich gemachten Federn!

Aber ja: Köpfe und Füße von Geflügel sind tatsächlich “rohe fleischige Knochen (RFK)”, die für BARFer wie auch für Fertigfutter-Hersteller unverzichtbar sind. Hierzulande werden eher Hälse und Flügel roh verfüttert – in USA sind Köpfe und Füße Standard in der Rohfütterung.

Entenkopf mit Schnabel in einer rohen Ration – Hühnerfüße mit Krallen in einer Geburtstagstorte für je einen Hund in USA.
Entenkopf mit Schnabel in einer rohen Ration – Hühnerfüße mit Krallen in einer Geburtstagstorte für je einen Hund in USA.

Als ich die Fotografen der beiden Bilder fragte, ob ich die benutzen darf, wollte die Dame mit der Geburtstagstorte in der Gruppe Raw Fed & Nerdy wissen, wofür. Sie entschuldigte sich ausdrücklich, dass die Torte nicht bedarfsdeckend sei und fiel vor Lachen fast vom Stuhl, als ich erzählte, dass die Leute hierzulande panische Angst haben, Krallen & Schnäbel in Fertigfutter untergejubelt zu bekommen.

Tatsächlich bestehen die Geflügelteile im Hundefutter nur zu einem sehr geringen Teil aus Brust und Keule, denn weil Mensch diese Teile essen will, haben diese Tiere überhaupt gelebt und sind dafür gestorben. Und wenn überhaupt Fleisch mit vermehlt wird, sind das eher die fettigen und fisseligen Abschnitte, die Mensch nicht gerne mag. Der Anteil an “tierischen Nebenerzeugnissen” wie Kopf, Fuß, Flügel, Karkasse, Leber, Magen, Herz und Fett aus Geflügel im Hundefutter übersteigt den Muskelfleischanteil bei Weitem.

Man muss sich darüber im Klaren sein, dass Hund hinsichtlich Fleischresten ganz eindeutig Nahrungskonkurrent des Menschen für die Produzenten von Chicken-Nuggets und Chicken-Wings ist. Diese Teile sind begehrte Rohware der Lebensmittelindustrie und kommen nicht so ohne Weiteres in den Entsorgungskreislauf.

Und für den Hund macht dies auch in hohem Maße Sinn: Diese Teile liefern wichtige Mineralien und Spurenelemente und reichlich Protein und wertvolle Fettsäuren, während das Muskelfleisch außer an Protein ziemlich nährstoffarm ist.

Noch krasser ist das Verhältnis Muskelfleisch zu Nebenerzeugnissen im Hundefutter bei Wiederkäuern wie Rind und Lamm: Hier ist das rote Muskelfleisch bei Menschen so beliebt, dass es nahezu komplett als Steaks, Braten und Gulasch in den Menschenfutterhandel gelangt und nur noch sehr fettige oder sehr sehnige Fleischreste für den Hund bleiben. Und selbst diese stehen in Konkurrenz zu den Wurstherstellern. Da bleiben nur noch Muskeln übrig, die Mensch wirklich eklig findet wie Kopffleisch, Schlund, Zwerchfell, Herz und Zunge.

Und neben großen Innereien wie Leber, Niere, Milz, Lunge, haben diese Tiere wirklich viel und viele Mägen, die zudem bei BARFern ja als sowas wie der heilige Gral verehrt und somit von vielen Hundehaltern akzeptiert sind. Hirn & Hoden & Euter sind verpönt wegen BSE, einfach so und wegen geringer Verdaulichkeit – dabei wären Hirn und Hoden hervorragende Protein- und Zinkquellen für den Hund. Ein wenig Leber essen Menschen vielleicht noch gebraten und unter Apfelringen begraben oder in Leberwurst – ansonsten ist Kuttelsuppe inzwischen genauso unbeliebt im Napf der Menschen wie Nierenragout in Rotweinsoße. An Innereien, Mägen und anderen Wiederkäuer-Teilen hat Hund also kaum menschliche Nahrungskonkurrenz und die enthaltenen Nährstoffe sind beachtlich und unverzichtbar. Auch hier macht es in hohem Maße Sinn, diese Nebenerzeugnisse in Hundefutter zu tun, denn das Muskelfleisch an sich enthält außer Protein nicht viel, was den Hund ernährt.

Aufreger #1: In fast jedem Hundefutter sind deutlich mehr tierische Nebenerzeugnisse als Muskelfleisch drin und das ist gut so!

Hundefutter ohne Nebenerzeugnisse ist Frevel

Wenn man sich überlegt, den Hund ohne Nebenerzeugnisse aus der Lebensmittelproduktion ernähren zu wollen, dann müssten extra für den Hund Tiere aufgezogen und geschlachtet werden sowie Obst & Gemüse nur für den Hund gezogen, geernet und verarbeitet werden. Und auch von diesen Opfern würde ein Großteil entsorgt werden müssen. Das ist in hohem Maße moralisch verwerflich, weil es zusätzliches Tierleid und Ressoucenverschwendung ist. Der Hund lebt mit uns Menschen seit Jahrtausenden wegen und von unseren Lebensmittelresten, die wir heute in Fertigfutter für Hunde finden – und die sollen nun auf einmal wegen Vermenschlichung des vierbeinigen Lebenspartners nicht mehr gut genug sein?

Aufreger #2: Nebenerzeugnisse im Hundefutter sind Beitrag zu verantwortungsvoller Nutzung von Lebensmitteln und kein Müll!

Darüber hinaus ist es grob fahrlässig, dem Hund die nährstoffreichen Innereien oder die faserreichen Pflanzenreste vorzuenthalten, denn diese ernähren den Hund weit über bloße Kalorien hinaus. Reines Muskelfleisch enthält nur Spuren von Spurenelementen und Mineralien, an denen Hunde einen weitaus höheren Bedarf als Menschen haben. Lässt man die verpönten Nebenerzeugnisse weg, muss man diese Nährstoffe mit noch viel „böseren“ chemischen Erzeugnissen ersetzen. Das kostet zusätzliches Geld und ist ineffizient.

Aufreger #3: Wer es vorzieht, Nebenerzeugnisse zu verwerfen statt in den Hund einzuwerfen, erzeugt Mängel oder Mehr-Produktion von chemischen Erzeugnissen.

Fazit

Nebenprodukte sind essentiell für den Hund und ein signifikanter Beitrag zur restlosen Nutzung unserer landwirtschaftlichen Produkte. Federn, Krallen, Hufe, Hörner finden sich nicht klammheimlich im Hundefutter. Dank eines Investigativjournalisten und einer Veterinärmedizinerin auf Abwegen sowie allerlei werblich talibanisierender alternativer Futterhersteller werden Hundebesitzer massiv verunsichert und es werden endlose und fruchtlose Gesinnungs-Debatten geführt. Seriöse Futterhersteller, die sich nicht völlig nackig machen, werden grundlos diskreditiert.

Mein Vertrauen in Hundefutterhersteller gilt eher der Fraktion “Fleisch und tierische Nebenerzeugnisse (u.a. 4% Huhn)” als der Fraktion “Muskelfleisch vom Fasan (89%), Chia-Samen (9,2%), Goji-Beeren (0,5%) und Himberblätter (0,005%)”.

Ich hoffe, Ihr versteht jetzt, warum. 

Ich hoffe, Ihr hört jetzt auf, mich mit diesen überdramatisierten Darstellungen von völlig sinnvollen Futterbestandteilen für den Hund zu nerven.

Danke für die Aufmerksamkeit.

Veröffentlicht unter Grundlagen, Zutaten

3 Kommentare

  1. Hannah

    Hallo liebe Bettina,
    vielen Dank für diesen tollen Artikel. Ich ärgere mich jedesmal wenn jemand besonders schlau behauptet: „tierische Nebenerzeugnisse,das ist nur Müll“. Wer definiert denn was Müll ist? Wenn ich nur Leberwurst esse, ist dann alles andere Müll und muss sofort vernichtet werden? Wenn ich eine gute Verwendung für tierische Nebenerzeugnisse habe, ist das doch super! Nur weil ich es nicht brauche, muss es ja nicht schlecht sein. Und extra Tiere für den Hund schlachten nur weil ich keinen Pansen mag und das für mich Abfall ist, wäre, wie du schreibst, moralisch verwerflich. Danke dafür, ich hoffe dieser Artikel ist für viele Menschen ein Denkanstoss!

  2. Britta

    Hallo,

    gerne lese ich Ihre Beiträge, obwohl ich den Rechner nicht verwende bzw. hab ich mal probeweise, kam ich auf die Schnelle aber nicht damit klar. Ich mag Zahlen zwar ebenfalls, aber diese Nährstoffrechnerei ist mir zu aufwändig im Alltag, ich möchte keine Wissenschaft aus der Hunde- und Menschenernährung machen.

    Allerdings achte ich beim Fertigfutter vom Hund schon auf eine weitgehend offene Deklaration. „Fleisch und tierische Nebenerzeugnisse (u.a. 4% Huhn)” ist mir nicht ausreichend. Ich denke, dass man gerade bei großen Herstellungsmengen verarbeiten muss, was reinkommt (mal mehr Rind, mal mehr Schwein, mal mehr Innereien, mal mehr Muskelfleischreste… so ähnlich halt) und deshalb die Deklaration geschlossen hält. Das ist prinzipiell in Ordnung, aber ein und dasselbe Futter ist dann von Charge zu Charge womöglich recht verschieden. Für Allergiker ein No-Go. Eine Bekannte hat so einen Hund, nach zwei Jahren Futter-Odyssee ist sie beim Barfen gelandet, seitdem keine Probleme mehr. Auch wenn ich keinen Allergiker zuhause habe, fühlt es sich dennoch für MICH besser an, ungefähr zu wissen, was verarbeitet wurde. Gerade wenn man schon nicht oder nur kaum selbst für den Hund zubereitet.

    Viele Grüße,
    Britta

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